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Medienbegleitung

Interview mit Kristin van der Meer

17. März 2026
4 Minuten

KI verstehen, einordnen, begleiten: Digitale Gesundheitskompetenz im Zeitalter denkender Maschinen

 

„Ich frag einfach mal die KI, die weiß das bestimmt." Diesen Satz hört Lehrerin und KI-Expertin Kristin van der Meer im Klassenzimmer immer häufiger. Genau hier beginnt ein Thema, das über technisches Verständnis hinausreicht: KI verändert nicht nur, wie Kinder Informationen finden, sondern wie sie denken, lernen und sich orientieren, auch in Gesundheits- und Beziehungsfragen.

Im Interview spricht Kristin van der Meer über die Vermenschlichung von KI, Selbststeuerung als zentrale Zukunftskompetenz und das neue BARMER Durchblickt Fortbildungsmodul 8 „Wenn KI wie ein Gegenüber wirkt: Vermenschlichung von KI verstehen und für den Unterricht einordnen ". 

1. Warum ist Künstliche Intelligenz aus Ihrer Sicht inzwischen ein Thema digitaler Gesundheitskompetenz und nicht nur ein Thema der Medienbildung?

KI beeinflusst längst nicht mehr nur, wie wir Informationen finden. Sie beeinflusst, wie wir lernen, Entscheidungen treffen, Probleme lösen und zunehmend auch, wie wir uns Orientierung holen – auch und vor allem in Bezug auf psychische und physische Gesundheit. Genau deshalb ist KI für mich ein Thema digitaler Gesundheitskompetenz.

Digitale Gesundheitskompetenz bedeutet, digitale Angebote bewusst, kritisch und verantwortungsvoll nutzen zu können. Wer versteht, wie KI funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und wie sie das eigene Denken beeinflusst, kann fundiertere Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen. Es geht also nicht nur um Technik. Es geht um Selbststeuerung, Reflexion und Verantwortung. 

2. Im neuen BARMER Durchblickt Fortbildungsmodul 8 „Wenn KI wie ein Gegenüber wirkt: Vermenschlichung von KI verstehen und für den Unterricht einordnen“ sprechen Sie über die Vermenschlichung von KI. Warum ist dieses Thema gerade für Kinder und Jugendliche so relevant? 

Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der digitale Systeme zunehmend wie Gesprächspartner auftreten. KI antwortet freundlich, ist jederzeit verfügbar und wirkt oft verständnisvoll. Dadurch entsteht leicht der Eindruck eines echten Gegenübers.

Gerade junge Menschen müssen lernen, zwischen technischer Simulation und echter Beziehung zu unterscheiden. Das ist keine Frage von Technikkompetenz, sondern von Beziehungskompetenz. Wer versteht, warum sich KI manchmal wie ein Mensch anfühlt, kann bewusster mit ihr umgehen. 

3. Viele Diskussionen über KI drehen sich um Risiken. Welche Chancen werden Ihrer Meinung nach in Schulen noch zu wenig gesehen?

Wir sprechen häufig darüber, was KI gefährlich macht. Viel zu selten sprechen wir darüber, was sie sichtbar macht.

KI zeigt uns gerade sehr deutlich, welche Kompetenzen wirklich wichtig werden. Reines Wiedergeben von Informationen verliert an Bedeutung. Dafür gewinnen Selbststeuerung, kritisches Denken, Kreativität und Problemlösefähigkeit an Gewicht. Aus meiner Sicht liegt die größte Chance darin, dass wir Lernen neu denken können. KI zwingt uns dazu, stärker auf Lernprozesse als auf reine Ergebnisse zu schauen. 

4. Sie haben an der Neuen Grundschule Potsdam den KI-Kompass mitentwickelt. Was war der Auslöser dafür?

In vielen Schulen wurde zunächst über Tools gesprochen. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass Lehrkräfte vor allem Orientierung suchen. Der KI-Kompass1 entstand aus dem Wunsch heraus, Schulen einen Rahmen zu geben. Nicht jede Schule braucht dieselben Anwendungen. Jede Schule braucht jedoch eine gemeinsame Haltung dazu, wie KI verantwortungsvoll genutzt werden kann. Der Kompass soll deshalb weniger Antworten liefern als die richtigen Fragen stellen. 

„Die Frage lautet nicht, ob Kinder KI nutzen. Die Frage lautet, ob wir ihnen beibringen, sie verantwortungsvoll zu nutzen.“

5. Was unterscheidet den KI-Kompass von klassischen Handreichungen oder Tool-Sammlungen?

Viele Handreichungen beantworten die Frage: Welches Tool kann ich nutzen? Der KI-Kompass beginnt früher. Er fragt: Warum nutzen wir KI überhaupt? Welche Kompetenzen wollen wir fördern? Welche Haltung haben wir als Schule? Dadurch entsteht ein langfristiger Orientierungsrahmen. Denn Tools verändern sich ständig. Pädagogische Ziele bleiben. 

6. Welche Rolle spielt Selbststeuerung im KI-Kompass und warum ist sie für Sie der entscheidende Baustein?

Selbststeuerung ist für mich die zentrale Zukunftskompetenz. Wenn KI Informationen liefert, Texte schreibt oder Aufgaben übernimmt, wird die Fähigkeit wichtiger, eigene Ziele zu setzen, Entscheidungen zu treffen und Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

Deshalb steht Selbststeuerung im Zentrum des KI-Kompasses. Kinder müssen lernen, KI bewusst zu nutzen, statt sich von ihr steuern zu lassen. 

7. Immer mehr Schülerinnen und Schüler nutzen KI bereits selbstverständlich zu Hause. Wie verändert das die Rolle von Lehrkräften?

Lehrkräfte werden weniger zu Wissensvermittelnden und stärker zu Lernbegleitenden. Früher hatten Lehrkräfte oft den Wissensvorsprung. Heute können Informationen jederzeit abgerufen werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Wo finde ich Wissen? Die entscheidende Frage lautet: Wie gehe ich mit Wissen um? Hier gewinnen Orientierung, Reflexion und Beziehungsarbeit an Bedeutung. 

8. Welche KI-Kompetenzen werden Kinder in fünf Jahren unbedingt brauchen?

Kinder werden lernen müssen, Ergebnisse kritisch zu bewerten, Quellen zu prüfen und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Mindestens genauso wichtig wird die Fähigkeit sein, gute Fragen zu stellen. Wer die richtigen Fragen formulieren kann, wird auch in einer KI-geprägten Welt handlungsfähig bleiben. Darüber hinaus werden soziale Kompetenzen, Kreativität und Zusammenarbeit weiter an Bedeutung gewinnen, weil genau diese Fähigkeiten schwer automatisierbar sind. 

9. Viele Schulen sprechen über KI-Tools. Welche viel wichtigere Frage sollten Schulen stattdessen stellen?

Die wichtigere Frage lautet: Welche Kompetenzen brauchen Kinder in einer Welt mit KI?

Wenn wir diese Frage beantworten, ergeben sich viele Entscheidungen fast von selbst. Dann geht es weniger um einzelne Anwendungen und stärker um Lernkultur, Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme. Die spannendsten Schulentwicklungsprozesse beginnen deshalb nicht mit einem Tool, sondern mit einem Menschenbild. 

10. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wie könnte guter Unterricht mit KI im Jahr 2030 aussehen?

Ich glaube, dass Unterricht deutlich individueller werden wird. KI kann helfen, Lernwege anzupassen, Rückmeldungen zu geben und Routinen zu übernehmen. Dadurch entsteht mehr Zeit für Gespräche, Projekte und echte Begegnungen.

An meiner zukünftigen Schule2 beschäftigen wir uns bereits heute mit der Frage, wie Lernen aussehen muss, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist. Dabei rücken Selbststeuerung, Verantwortungsübernahme und gemeinsames Lernen stärker in den Mittelpunkt als einzelne Fächer oder Inhalte. 

11. Manche Lehrkräfte fühlen sich von der Geschwindigkeit der KI-Entwicklung abgehängt. Was würden Sie jemandem raten, der sagt: „Ich komme da nicht mehr mit“?

Zunächst einmal würde ich sagen: Damit sind Sie nicht allein. Niemand kann alle neuen Tools kennen. Niemand kann jede Entwicklung verfolgen. Das muss auch niemand.

Entscheidend ist nicht, mit jedem Trend Schritt zu halten. Entscheidend ist zu verstehen, welche Auswirkungen KI auf Lernen, Denken und Entscheidungen hat. Wer diese Zusammenhänge versteht, hat bereits einen wichtigen Schritt gemacht. Schule braucht keine perfekten KI-Expertinnen und KI-Experten. Schule braucht neugierige Erwachsene, die bereit sind, gemeinsam mit Kindern zu lernen. 

12. KI-Systeme handeln zunehmend selbstständig und erledigen ganze Aufgaben allein. Welche neuen Kompetenzen brauchen Kinder, wenn KI nicht mehr nur antwortet, sondern handelt?

Je selbstständiger KI-Systeme werden, desto wichtiger werden menschliche Kompetenzen. Kinder müssen lernen, Entscheidungen zu bewerten, Verantwortung zu übernehmen und die Folgen von Handlungen einzuschätzen. Sie müssen erkennen können, wann sie einer KI vertrauen können und wann menschliches Urteil notwendig bleibt.

Die Zukunft gehört deshalb nicht den Menschen, die alles wissen. Sie gehört den Menschen, die reflektieren, Verantwortung übernehmen und gute Entscheidungen treffen können. 

„Die größte Gefahr von KI ist nicht, dass Maschinen denken wie Menschen. Die größte Gefahr ist, dass Menschen aufhören, selbst zu denken.“


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Anmerkungen

1 Nähere Informationen zum KI-Kompass im neuen Fortbildungsmodul 8 „Wenn KI wie ein Gegenüber wirkt: Vermenschlichung von KI verstehen und für den Unterricht einordnen"

2 Anmerkung der Redaktion: Kristin van der Meer gründet zum Zeitpunkt des Interviews eine eigene Schule.

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