Lukas, Content-Creator von BARMER Durchblickt, blickt vor einem grünen grafischen Hintergrund mit Video-Symbol in die Kamera; das Bild gehört zu einem Beitrag über ADHS und Schule. DGK_Blogs_Content-Creators_Covers_Lukas.jpg

Tipps

Autismus bei Mädchen

21. Juli 2026
4 Minuten

Autismus bei Mädchen wird oft übersehen, weil diagnostische Kriterien historisch an Jungen entwickelt wurden und Mädchen häufiger soziale Anpassungsstrategien (Masking) nutzen. Wir erklären, warum die Diagnose später erfolgt und wie Eltern ihr Kind achtsam unterstützen können.

 

Warum Autismus bei Mädchen oft später erkannt wird

Autismus wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Jungen verbunden und oft auch sehr klischeehaft dargestellt. Tatsächlich zeigen statistische Erhebungen, dass Jungen etwa drei- bis viermal häufiger eine Autismusdiagnose erhalten als Mädchen.1 Das bedeutet jedoch nicht, dass Autismus bei Mädchen selten ist. Vielmehr weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass Autismus bei Mädchen häufiger später erkannt oder sogar übersehen wird.2a

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Autismus bei Mädchen

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Dieses Transkript wurde mithilfe von KI erstellt und kann vereinzelt Ungenauigkeiten enthalten.

Warum Autismus bei Mädchen oft spät erkannt wird

Lukas Maher

Warum wird er oft erst recht spät erkannt? Autismus wird ja in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch sehr stark mit Jungen verbunden und das leider auch immer noch sehr klischeehaft. Aus statistischen Erhebungen wissen wir, dass Jungs etwa drei- bis viermal häufiger mit Autismus diagnostiziert werden als Mädchen.

Und nur weil unser öffentliches Bild eben das ist, was es ist, und Jungs viel häufiger diagnostiziert werden als Mädchen, heißt das nicht, dass Mädchen nicht auch davon betroffen sein können oder dass es so selten vorkommt, wie man hier den Eindruck gewinnen könnte. Vielmehr wissen wir aus zahlreichen Studien, aber eben auch aus der praktischen Erfahrung, dass Autismus bei Mädchen häufig erst sehr spät erkannt oder komplett übersehen wird.

Ein Grund dafür liegt in der Entwicklung unserer diagnostischen Kriterien, also unserer Checkliste, mit der wir sagen können, ob ein Mensch autistisch ist oder eben nicht. Diese Checkliste, also diese diagnostischen Kriterien, die basieren überwiegend auf Beobachtungen von verhaltensauffälligen Jungs. Und dadurch können Verhaltensweisen, die man eher bei Mädchen findet, oder andere Ausdrucksformen von Autismus leicht übersehen werden.

Masking, soziale Situationen und Spezialinteressen

Lukas Maher

Wir wissen zum Beispiel, dass autistische Mädchen häufig andere Strategien benutzen, um sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. In der Forschung sprechen wir da häufig von Masking oder von Camouflaging. Damit ist gemeint, dass Betroffene soziale Regeln oder Gepflogenheiten beobachten und sie nachmachen. Sie üben zum Beispiel Blickkontakt, sie merken sich Gesprächsregeln oder bereiten sich darauf sogar intensiv vor und fallen dadurch in den meisten sozialen Situationen gar nicht so sehr auf.

Gleichzeitig berichten aber viele Betroffene, dass diese Anpassungsleistungen nicht nur dabei helfen, in der Welt klarzukommen, sondern dass die auch eine ganze Menge Kraft kosten. Wie sollen sie auch nicht? Wenn ich quasi jeden Tag damit beschäftigt bin, all das in meinem Kopf herunterzurechnen und zu kalibrieren, was bei vielen anderen Menschen, die nicht autistisch sind, eher aus dem Bauchgefühl herauskommt. Und selbst wenn sie von außen betrachtet unauffällig gewirkt haben, berichten viele Autisten und Autistinnen, dass sie nach sozialen Situationen echt erschöpft sind.

Da, wo sich die Schwierigkeiten bei Mädchen häufiger zeigen, sind eher subtile soziale Situationen oder Situationen, die man zum ersten Mal meistern muss, oder komplexe Gruppendynamiken. Also immer da, wo die Regeln neu sind oder noch nicht klar sind. Dort kann es sein, dass dann auch das autistische Mädchen auffällt.

Was die sogenannten Spezialinteressen angeht, so scheinen die bei Mädchen auch eine andere Ausdrucksform zu haben. Während die bei Jungs ja häufig als ungewöhnlich gelten – man hat ja auch mal von Sonderinteressen gesprochen –, wählen Mädchen häufiger Spezialinteressen, die sozial akzeptierter sind: Tiere, Natur, Umwelt.

Kernmerkmale und Bedeutung einer frühen Diagnose

Lukas Maher

Was man aber auch beachten muss: Autismus bei Mädchen ist nicht grundsätzlich was anderes als bei Jungs. Die zugrunde liegenden Kernmerkmale, nämlich die Unterschiede in der sozialen Kommunikation und Interaktion und eben die Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung, genauso wie diese repetitiven Verhaltensmuster, Interessen und sensorischen Besonderheiten, die treten bei Mädchen eben genauso auf wie bei Jungs.

Die Unterschiede zeigen sich also eher daran, wie diese Merkmale nach außen getragen werden oder eben nicht. Und genauso gibt es auch Jungs, die diese Merkmale sehr maskieren oder anpassen, genauso wie es Mädchen gibt, die das überhaupt nicht machen.

Aber das ist wichtig zu wissen, weil eine frühzeitige Diagnose einen entscheidenden Unterschied machen kann. Denn wenn Autismus lange unerkannt bleibt, dann behandeln wir vor allem nur die Folgen. Und das sind bei Mädchen vor allem Diagnosen von Depressionen, von Angststörungen oder immer wiederkehrende Burnout-Zustände, die vor allem im Arbeitskontext auftreten können.

Und was dabei immer wieder fehlt, sei es jetzt die Arbeit oder bei den Mädchen die Schule, ist ein Verständnis dafür, warum bestimmte Situationen, die doch eigentlich so normal sind, für dieses Kind so belastend sind. Deshalb ist eine sorgfältige und auch frühzeitige diagnostische Abklärung so wichtig.

Individuelle Unterstützung im Alltag

Lukas Maher

Weil wir damit den ersten Schritt machen können, um die individuellen Stärken des Kindes zu fördern, Herausforderungen zu erkennen und die eben auch frühzeitig anzugehen. Um zu verstehen, wann soziale Situationen besonders anstrengend sind für das Kind. Welche Situationen das sind. Was die Situation so anstrengend macht. Ist es die Unklarheit oder ist es irgendwas anderes? Sind das Situationen, auch soziale Situationen, in denen das Kind Interesse, Freude und Motivation zeigt?

Wie viel Vorhersehbarkeit braucht das Kind? Gibt es Dinge, die wir vorab klären müssen oder immer vorab klären sollten? Wie geht das Kind mit indirekten Erwartungen um? Macht es dann mehr Sinn, klar und direkt zu kommunizieren, auch wenn es vielleicht hart klingt aus unserem Mund?

Und wie sieht es, sofern es benötigt wird, mit Rückzugszeiten aus? Braucht das Kind Rückzugszeiten, wenn es mit anderen Kindern gespielt hat? Wenn ja, was braucht es dann? Braucht es eine Umarmung oder braucht es vor allem dann weniger sensorischen Input, also keinen Körperkontakt und eher Ruhe und Zeit mit den eigenen Interessen?

Wichtig ist: Das Ziel soll nicht nur sein, dass das Kind funktioniert, sondern dass es vor allem in eigenem Tempo und mit Unterstützung Strategien entwickeln kann, die es dabei unterstützen, in dieser Welt gut klarzukommen. Und da kann bei Unsicherheit oder eben auch, wenn der Leidensdruck hoch ist, auch nach einer Diagnostik Unterstützung sinnvoll sein. Etwa durch Beratung, durch Austausch mit anderen Eltern, in bestimmten Fachzentren oder in Selbsthilfegruppen. Wichtig ist, dass man mit dem Thema nicht allein bleibt.

Ein Grund dafür liegt in der Entwicklung der diagnostischen Kriterien. Viele frühe Beschreibungen von Autismus basierten überwiegend auf Beobachtungen bei Jungen. Dadurch können bestimmte Ausdrucksformen von Autismus, die bei Mädchen häufiger auftreten, in der Diagnostik weniger offensichtlich erscheinen.

Hinzu kommt, dass manche autistische Mädchen andere Strategien im Umgang mit sozialen Situationen entwickeln. In der Forschung wird in diesem Zusammenhang häufig der Begriff Masking oder Camouflaging verwendet.

Damit ist gemeint, dass Betroffene soziale Regeln bewusst beobachten und versuchen, diese nachzuahmen. Sie üben beispielsweise Blickkontakt, merken sich Gesprächsregeln oder orientieren sich stark am Verhalten anderer. Nach außen kann dies relativ unauffällig wirken. Gleichzeitig berichten viele Betroffene, dass diese Anpassungsleistungen innerlich sehr anstrengend sind. Nach sozialen Situationen benötigen sie häufig längere Zeit, um sich wieder zu erholen.

Auch im Alltag können sich autistische Merkmale bei Mädchen teilweise anders zeigen. Schwierigkeiten treten häufig eher in subtilen sozialen Situationen auf, etwa in komplexen Gruppendynamiken, in neuen sozialen Kontexten oder dann, wenn soziale Regeln nicht klar ausgesprochen werden. Spezialinteressen können ebenfalls anders wahrgenommen werden. Während diese bei Jungen oft als ungewöhnlich gelten, drehen sie sich bei Mädchen häufiger um Themen, die gesellschaftlich akzeptierter erscheinen, etwa Tiere, Bücher, Serien oder bestimmte kreative Interessen.

Wichtig ist jedoch: Autismus bei Mädchen ist nicht grundsätzlich etwas anderes als Autismus bei Jungen. Die zugrunde liegenden Kernmerkmale sind dieselben. Dazu zählen eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen und sensorische Besonderheiten. Unterschiede zeigen sich eher darin, wie diese Merkmale nach außen sichtbar werden oder wie stark sie im Alltag auffallen.

Eine frühzeitige Diagnose kann dennoch eine wichtige Rolle spielen. Wenn Autismus lange unerkannt bleibt, werden häufig zunächst nur die Folgen behandelt. Viele Mädchen erhalten zunächst andere Diagnosen, etwa Angststörungen oder Depressionen. Was dabei oft fehlt, ist das Verständnis dafür, warum bestimmte Situationen besonders belastend oder anstrengend sind. Eine sorgfältige diagnostische Abklärung kann dazu beitragen, die eigenen Stärken und Herausforderungen besser einzuordnen und passende Unterstützung zu finden. Deshalb rückt Autismus bei Mädchen zunehmend stärker in den Fokus von Forschung und Praxis.
 

Was Eltern tun können

Wenn Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind soziale Situationen als besonders anstrengend erlebt, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen und das Kind ernst zu nehmen. Dabei geht es nicht darum, das Verhalten vorschnell zu bewerten, sondern zu verstehen, was für das Kind gerade schwierig ist.

Hilfreiche Fragen für Eltern können sein:

  • Wann wirken soziale Situationen besonders anstrengend und wann nicht?
  • Geht es eher um Unklarheit („Was wird von mir erwartet?“) oder um Reizüberflutung?
  • Was hilft meinem Kind, sich zu regulieren oder zu erholen?
  • In welchen Situationen zeigt mein Kind Sicherheit, Interesse oder Freude?

Im Alltag kann es entlastend sein, soziale Anforderungen überschaubarer und vorhersehbarer zu gestalten. Dazu gehört zum Beispiel:

  • Situationen vorab erklären („Wer ist da? Was passiert ungefähr?“)
  • sofern benötigt: ausreichend Rückzugszeiten nach sozialen Kontakten
  • Interessen des Kindes aktiv aufgreifen und als Zugang zur Welt nutzen

Wichtig ist dabei: Ziel ist nicht, dass das Kind „funktioniert“, sondern dass es in seinem eigenen Tempo passende Strategien entwickeln kann, um am Leben teilzunehmen.
Wenn Unsicherheiten bestehen oder der Leidensdruck hoch ist, kann eine fachliche Abklärung helfen, das Verhalten besser einzuordnen. Nach einer Diagnose ist es häufig sinnvoll, weitere Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Etwa durch Beratung, Austausch mit anderen Eltern, spezialisierte Fachstellen oder im Rahmen von (digitalen) Selbsthilfegruppen. 
 


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1 Vgl. Fyfe C, Winell H, Dougherty J, Gutmann D H, Kolevzon A, Marrus N et al. Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study BMJ 2026; 392 :e084164 doi:10.1136/bmj-2025-084164
2 Vgl.Minutoli R, Marraffa C, Failla C, Pioggia G and Marino F (2026) Female gender and autism: underdiagnosis and misdiagnosis – clinical and scientific urgency. Front. Psychiatry 16:1704579. doi: 10.3389/fpsyt.2025.1704579
3 Vgl. Cook J, Hull L, Crane L, Mandy W. Camouflaging in autism: A systematic review. Clin Psychol Rev. 2021 Nov;89:102080. doi: 10.1016/j.cpr.2021.102080. Epub 2021 Sep 6. PMID: 34563942.

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